Islamische Perspektiven

Diesmal im Interview: Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes (LIB), Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin

Der LIB erfährt zur Zeit in den Medien große Aufmerksamkeit – fast wöchentlich nehmen Sie in Zeitungs-, TV- oder Radiobeiträgen Stellung. Wie gehen Sie mit dieser Aufmerksamkeit um? Wieweit müssen Sie sich rechtfertigen ?

Zunächst einmal: Keine Rechtfertigungen mehr! Ich habe mich dazu entschieden, als Muslimin keinesfalls in eine defensive Haltung zu geraten. Ich suche das Gespräch auf Augenhöhe. Ich begegne ernsten Fragen mit ernsten Antworten. Oft verbergen sich aber hinter vermeintlichen Fragen bloß Ressentiments. Vor kurzem erhob sich bei einer meiner Lesungen in Bonn  in der Fragerunde eine Frau mit einem Papier in der Hand und begann mit den Worten: „Wir wissen ja alle, dass der Islam eine barbarische Religion ist…“. Ich sah sie an und entgegnete: „Und das müssen Sie von einem Zettel ablesen?“.

Kritik – so sie denn in entsprechender Form geäußert wird – offenbart den Charakter der Menschen. Nehmen Sie z.B. Kurt Westergaard, den Zeichner einer der dänischen Muhammed-Karikaturen: Seine Gestaltung und seine Interpretation ist sein gutes Recht. Ich finde die gewählte Form persönlich zwar nicht schön und bin auch mit der Aussage nicht einverstanden. Doch warum sollte er seine Haltung deshalb nicht äußern dürfen? Das ist die Grundlage für Freiheit. Zur Freiheit zählt auch, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln – insbesondere gegenüber seiner eigenen Haltung. Echte Selbstkritik setzt dann allerdings auch der Freiheit des Handelns Grenzen der Vernunft.

Selbstbewusstes Auftreten und ein dickes Fell sind wichtig. Trotzdem muss man stets hinterfragen: Nicht alles an Kritik ist falsch. Viele so genannte Islamkritiker neigen jedoch zu einer kaum inhaltsgetriebenen Pauschalkritik und drängen damit wesentliche gesellschaftliche Fragen in den Hintergrund. Religion ist nicht das einzige Merkmal einer Identität und dennoch ufert die Rhetorik viel zu schnell in ein „Islam ist daran schuld/nicht schuld“ aus.

Viele Menschen unterschätzen den Einfluss der europäische Islamwissenschaften. Wie sehen Sie es derzeit um das Niveau an deutschen Universitäten bestellt? (Stichworte: Neue Forschungsschwerpunkte – interkultureller Austausch)

Deutlich sichtbar ist, dass sich die IslamwissenschaftlerInnen mit ihrem Fachwissen kaum in die aktuellen Diskussionen einbringen. Wie Gudrun Krämer (Leiterin des Instituts für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin) kürzlich forderte: Islamwissenschaftler müssen mit ihrem  Fachwissen stärker in den Vordergrund treten  und deutlicher als bisher sich auch an aktuellen  gesellschaftlichen Diskussionen beteiligen.

Die meisten islamischen Strömungen berufen sich neben Quran und den Hadithen auch immer auf bestimmte Gelehrte und Rechtsschulen zur Interpretation der Schriften. Wo setzt der LIB mit Ihrem Konzept an? An wem orientieren Sie sich in dieser Hinsicht?

Wir orientieren uns natürlich auch am Koran und an den Hadithen. Allerdings gehen wir aus unserer heutigen Perspektive neu bzw. anders an die Quellen heran. Der LIB steht für einen lebensnahen Islam, wie er von einer großen Mehrheit der Muslime bereits praktiziert wird. Es gibt eine Reihe von Gelehrten, deren Arbeiten höchst beachtenswert sind.

Was sind die größten interkulturellen Leistungen, die Muslime in den letzten Jahrzehnten in Europa / Deutschland vollbracht haben?

Klar erkennbar lassen sich insbesondere nach dem 11. September verstärkt islamische Einflüsse in Kunst und Design aufzeigen. Ein weiteres spürbares Moment ist das Thema Essen. Doch viel wichtiger ist die Strukturvielfalt der Muslime in Deutschland, die hier friedlich mit der nichtmuslimischen Mehrheit zusammenleben. 85 bis 90 Prozent der Muslime sind bereit, sich zu integrieren. Sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Gibt es muslimische KünstlerInnen, die in Deutschland besonders präsent sind?

Hier fallen mir spontan die Kalligraphien einer Bekannten, Nebiye Uhlmayr ein. Als weiteres Beispiel würde mir das Modelabel styleislam einfallen, das speziell islamisch geprägte Kleidung entwirft, T-Shirts, Mützen, Accessoires.

Wie sieht der LIB den Umgang mit Kunst und Musik? In wahabitischen Auslegungen ist die Benutzung bestimmter Instrumente verboten. Auch Darstellungen, beispielsweise weiblicher Körper sind verpönt. Sehen Sie normative Grenzen durch einen Islam im Sinne des LIB für zeitgenössische Werke?

Nein.

Last but not least: Ihre Perspektive für die Entwicklung des LIB?

Natürlich ist es mein Wunsch, dass sich das zarte Pflänzchen, das wir vor einem halben Jahr gesetzt haben, zu einer ausgereiften Blume entwickelt. Allerdings ist es besonders schwierig, liberale Muslime zu organisieren. Sie machen kein Aufheben um ihre Religion und gehen nach dem Motto: Leben und leben lassen. Aber wenn wir nicht wollen, dass Extremisten unser Leben noch schwerer machen, müssen wir unsere Sicht auf den Islam öffentlich klarmachen. Und das geht am besten in einem Zusammenschluss. Wir suchen den innerislamischen Diskurs und die Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft. Und wir werden wahrgenommen – das ist sehr gut! Weiter so!

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Stimmen der Veranstalter des YMS 2010

Zahi Alawi ist freier Mitarbeiter/Redakteur bei der Deutschen Welle und  TW-Arabia. Er betreut darüber hinaus den Wettbewerb „Best of The Blogs“, den die DW-Online jährlich organisiert (www.thebobs.com). Seine Diplomarbeit zur „Mediennutzung von Arabern in Deutschland“ mündete in einem Onlinemagazin „Al-Hewar“ (der Dialog).

Wo haben Sie wann studiert und in welchem Fachbereich?

Meinen BA habe ich in Palästina an der An-Najah University und das Dipl. an der Uni-Dortmund absolviert (beides Journalistik als Hauptfach und Politik als Nebenfach). Zur Zeit schreibe ich an meiner Dr.-Arbeit zum Thema: „Die Entwicklung des Online-Journalismus in Palästina“.

Woher kommt Ihr Interesse an einer interkulturellen Veranstaltung?

Als palästinensischer Journalist, der in Deutschland lebt und arbeitet, und der seit 2005 einen internationalen Wettbewerb betreut, sollte ich mich  sehr  für eine interkulturelle Veranstaltung interessieren. Das bietet sich an. Das Thema Interkuturalität beschäftigt mich seit Jahren in Deutschland in meinem beruflichen wie auch privatem Leben.

Was ist Ihre persönliche Einschätzung der Perspektiven des Young Media Summits? Was sind die Ziele?

So eine Veranstaltung wird das Bild der anderen verändern, weil beide Seiten -Deutsche und Araber- sich persönlich treffen und miteinander reden und offen diskutieren, was zu einer Verständigung führen könnte. Das Hauptziel so einer Veranstaltung ist den Anderen kennen zu lernen und die Vorurteile abzubauen. A wichigsten ist dabei der Dialog. Wir wollen eine Art Dialog auf der Bloggerebene, weil wir der Meinung sind, dass diese Gruppe einen Einfluss auf und in der Gesellschaft hat. Wenn wir allein Facebook betrachtetwn werden wir feststellen, dass die Netzwerke einen enormen Einfluss in jeder Gesellschaft haben. Auf Facebook gibt´s heute mehr „Einwohner“ als es in den USA gibt.

Wie lange sind Sie schon in Kontakt mit den anderen Teilnehmern des YMS 2010 ?

Das ist sehr unterschiedlich: Manche kenne ich seit Jahren, weil sie entweder nominiert waren für die BOBs oder zumindest dafür vorgeschlagen, oder weil sie aktive Blogger sind, andere kontaktiere ich zum ersten Mal.

Matthias Spielkamp arbeitet als freier Journalist, Trainer und Berater  und betreibt den Blog http://immateriblog.de. Er widmet sich dabei hauptsächlich Fragen zu Urheberrecht, Internet-Politik, Online-Journalismus und sozialen und gesellschaftlichen Aspekten der Digitalisierung.

Wo haben Sie wann studiert und in welchem Fachbereich?
Masters‘ Degree in Journalism, University of Colorado, Boulder, 1994  sowie Magister in Philosophie, Politik, VWL an der FU Berlin 2007.

Woher kommt Ihr Interesse an einer interkulturellen Veranstaltung?

Ich arbeite seit ca. zehn Jahren in der internationalen Journalistenfortbildung, angefangen mit dem Europäischen Medieninstitut, nun für das IIJ von Inwent und die DW-Akademie.

Was ist Ihre persönliche Einschätzung der Perspektiven derVeranstaltung? Was sind die Ziele?

Es ist wahrscheinlich das erste Treffen dieser Art, das zweieinhalb Tagelang einen sehr intensiven Austausch ermöglicht, weil es nicht einfach eine öffentliche Konferenz ist. Daher hoffe ich, dass die Teilnehmer sich persönlich besser kennen lernen werden, und dadurch auch ihre unterschiedlichen Einstellungen zum Leben.

Wie lange sind Sie schon in Kontakt mit den anderen Teilnehmerndes YMS 2010 ?
Wegen des YMS seit ca. drei Monaten, einige der Deutschen kenne ich privat/beruflich schon länger.
Weitere Infos finden sich auch unter http://yms2010.wordpress.com/

Blogger Hoder droht Todesstrafe im Iran

Seit Anfang Juni steht Hoder bereits vor Gericht unter einer Reihe von Vorwürfen zu denen u.a. Propaganda gegen das islamische Regime zugunsten konterrevolutionärer Gruppen, der Betrieb sensationslüsternder Websites mit unmoralischem Inhalt, die Kooperation mit Regierungen feindlicher Staaten und die Beleidigung der Staatsoberhäupter und des Propheten Mohammeds zählen. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Todesstrafe für den jungen Blogger beantragt.

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Hossein Derakshan (Hoder, siehe Bild) startete von Kanada aus  im September 2001 mit Sardabir: khodam (Editor: Myself) seinen ersten Blog. Er gilt als Urvater des persischen Bloggings, nicht zuletzt weil er als Aktivist der ersten Stunde auch eine Anleitung zum Bloggen unter Unicode  in Farsi verfasste. 2008 kehrte er in seine alte Heimat zurück und wurde kurz darauf im November des gleichen Jahres inhaftiert.

Neben seinen zweisprachigen regierungskritischen Veröffentlichungen, sowie zu interkulturellen Beziehungen zwischen den USA und dem Iran, setzt sich Hoder insbesondere für eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen Israel und dem Iran via Web ein.

Hoder ist auch kanadischer Staatsbürger, was ihm in diesem Zusammenhang wenig nützt, da der Iran seinen zweiten Pass nicht anerkennt. Diverse Websites setzen sich seit seiner Inhaftierung für seine Befreiung ein:

http://www.freetheblogfather.org/ hier findet sich eine Petition zur Unterschrift – bitte unterstützen

http://freehoder.wordpress.com/

http://kamtarin.com/?p=202

http://www.rahana.org/archives/25732

http://englishtogerman.wordpress.com/2010/09/22/staatsanwalt-soll-fur-blogger-todesstrafe-beantragt-haben-aktualisiert/

Farsi ist die am vierthäufigsten genutzte Sprache im Web, was nicht zuletzt auch dem „Blogfather“ Hoder und seiner Pionierarbeit zu verdanken ist.

kulturtransfer Eventtipp: Young Media Summit 2010

Anfang Oktober treffen in der Cairo University 12 arabische und 6 deutsche Blogger zusammen und diskutieren über zentrale Fragen digitaler Kultur im interkulturellen Austausch:

Was bedeutet Bloggen in Deutschland, was in der arabischen Welt? Was können Blogger zum interkulturellen Dialog beitragen? Gibt es Gleichberechtigung beim Zugang zum Netz zwischen Männern und Frauen? 18 Blogger aus Deutschland und arabischen Ländern werden vom 2. bis 4. Oktober beim Young Media Summit 2010 in Kairo Antworten auf diese Fragen suchen.

Die Vorstellungen von der arabischen Kultur auf der einen, der europäischen auf der anderen Seite sind von Neugier, aber auch Vorurteilen geprägt. Die Frage, wie sehr das Bild eines „Orients“ den Blick auf die arabische Welt, aber auch das Selbstbild dieser Länder geprägt hat, wird seit langem kontrovers diskutiert. Und welche Rolle spielt umgekehrt das Bild einer so genannten „westlichen Welt“? Das World Wide Web gibt vor, keine Grenzen zu kennen, doch wie sieht es in der Realität aus?

Auf Einladung der DW-Akademie und des Deutschland-Zentrums Kairo treffen sich sechs deutsche und zwölf arabische Blogger vom 2. bis 4. Oktober 2010 in der ägyptischen Hauptstadt. Sie werden sich darüber austauschen, was man von der jeweils anderen Kultur kennt – oder zu kennen glaubt. Welche Rolle spielen Blogs und Social Networks in der Kommunikation, vor welchen Herausforderungen stehen Blogger hier wie dort?

Ihre Antworten werden die Teilnehmer bei einer öffentlichen Veranstaltung an der Cairo University am Nachmittag des 4. Oktober vorstellen und mit dem Publikum diskutieren.

Ziel des Young Media Summit 2010 ist es, den Kulturdialog im Internet zu stärken. Die Teilnehmer können in Diskussionsrunden, World Cafés und Workshops ihre Ansichten austauschen, wobei sie von Dolmetschern unterstützt werden, die dafür sorgen, dass Sprachbarrieren fallen – oft die erste und größte Hürde bei gegenseitiger Verständigung.

Der Young Media Summit wird organisiert von der DW-Akademie der Deutschen Welle in Zusammenarbeit mit dem Deutschland-Zentrum an der Deutschen Botschaft Kairo. Die vom Auswärtigen Amt finanzierte Konferenz soll eine Reihe von Young Media Summits eröffnen, die jährlich stattfinden und unterschiedliche Themen setzen. Ziel ist es, Austausch und Vernetzung zwischen jungen Medienschaffenden aus der arabischen Sprachregion und Deutschland zu fördern.

Genaue Angaben zum Thema und Ort des öffentlichen Teils der Veranstaltung an der Cairo University folgen.

Bei Fragen zum Programm, den Teilnehmern, Interviewanfragen und Ähnlichem wenden Sie sich bitte

für die arabischen Teilnehmer an

Herrn Zahi Alawi

E-Mail: zahi.alawi [at] dw-world [punkt] de

für die deutschen Teilnehmer an

Herrn Matthias Spielkamp

E-Mail: ms [at] immateriblog [punkt] de

Art Design: Kareem Lotfy

Kareem Lotfy wuchs in  strenggläubigen muslimischen Familienverhältnissen auf.  Schon früh durch die aufkommende Internetkultur beeinflusst faszinierte  ihn  der interkulturelle Mix seiner Heimat Ägypten, in der nahöstliche und westliche Einflüsse aufeinanderprallen.

Insbesondere die Leichtigkeit des maßgeblichen Einflusses fremder Kulturen die,  nach seinen eigenen Worten,  das Resultat „des Mangels an echter zeitgenössischer  Kunst des Nahen Ostens“ ist,  hat ihn geprägt.  Keine der alten Ideologien sei bis dato in der Lage gewesen, diese Lücke zu füllen.

Seine Arbeit betrachtet er als eine Art „Aufzeichnung des Zusammenstosses der  Kulturkreise und ihrer gegenseitigen Beeinflussung“.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Zu seinen Werken zählen Screen prints,  Schablonenkunst, Ölmalerei und verschiedene digitale Umsetzungen.

Kareem Lotfy auf dripbook

Kareem Lotfys Homepage

Ausstellungen:

2009 – June, Love Will Bring Us Apart again and again, Gallery Nosco, London
2009 – June, Harrods Charity Event, London
2009 – April Fools, Gallery Nosco, London
2008 – Sound Installation, Cairo
2008 – Group Exhibition, Cairo
2008 – Love Will Bring Us Apart again, Gallery Nosco, London
2008 – Burning Bridges, London
2008 – Group Exhibition, Gallery Nosco, London
2008 – Collectors Gallery’s POP Show – Singapore
2007 – Apart Gallery’s Final Show – London
2006 – Appetite for Domination  – London

Bildrechte in diesem Beitrag liegen bei Kareem Lotfy

Das Glück dieser Erde: Arabische Pferde – Vermittler zwischen Orient und Okzident

kultur-transfer stellt Persönlichkeiten, Institutionen und Organisationen vor, die im interkulterellen Bereich aktiv sind – Heute im Interview: Hubert Lorenz, Geschäftsführer des Deutschen Rennverbandes für Arabische Vollblüter e.V. DRAV’s und des DRAV Business Clubs

kultur-transfer: Herr Lorenz, erzählen Sie uns doch etwas über ihre eigene Geschichte: Wie wird man Vorsitzender des DRAVs?

Hubert Lorenz: Nun, zu allererst muß man dafür wohl die Liebe zum Arabischen Pferd und das Interesse zum Rennsport mitbringen. Arabische Pferde stammen ja, wie der Name schon sagt, von der Arabischen Halbinsel und dem Vorderen Orient. Sie wurden von den Beduinen früher als Kriegspferde verwendet und haben – weil hochgeschätzt – mit Ihnen im Zelt gelebt. Daher sind sie sehr dem Menschen zugetan. Außerdem gelten sie als die schönste Pferderasse und wurden jahrhundertelang zur Verbesserung der europäischen Pferderassen eingesetzt. Auch mich hat der Charakter dieser Pferde fasziniert, daneben aber auch deren Leistungsfähigkeit, die es zu erhalten gilt. Ein Mittel dazu ist der Rennsport.

Ich hatte bereits 1989 meine erste Araberstute gekauft und bis heute 12 Fohlen gezüchtet. 1993 bin ich aus oben genanntem Grund Mitglied des DRAVs, des Deutschen Rennverbands für Arabische Vollblüter, geworden. Ein Jahr später wurde ich in den Vorstand gewählt, 1995 zum Geschäftsführer ernannt. Diese Position habe ich mit einer kleinen Unterbrechung bis heute inne. Parallel dazu war ich auch 10 Jahre lang bis Jan. 2009 General Secretary der IFAHR, der International Federation of Arab Horse Racing. Man muß aber dazu sagen, daß beide Positionen immer ehrenamtlich waren. Das heißt, dies alles läuft neben einem Hauptberuf und man investiert doch sehr viel Freizeit in dieses „Hobby“.

KT: Seit wann gibt es den Verein, wer sind die Mitglieder, was für Veranstaltungen werden von Ihnen ausgetragen?

HL: Während der Rennsport für Englische Vollblüter in Deutschland bereits seit Anfang des 19.Jahrhundert existiert, wurde der Verläufer des DRAVs erst in den 1970er Jahren von ein paar rennbegeisterten Züchtern gegründet. Daraus hat sich dann der DRAV in seiner heutigen Funktion entwickelt. Unsere Mitglieder sind zum einen Züchter, die die Rennen als eine Leistungsprüfung für ihre Pferde erachten, zum anderen aber auch Rennsportfreunde, die sich der Faszination der Rennen verschrieben haben und dem besonderen Charme des Arabischen Pferdes erlegen sind. Die Aufgabe des Vereins besteht nun in erster Linie in der Durchführung von Rennen für Arabische Vollblüter. Diese sind in Deutschland aber vom Direktorium für Vollblutzucht- und Rennen für Englische Vollblüter geregelt, und diesen Regeln müssen auch wir folgen. Da auf Rennen gewettet wird, unterliegt alles einer strikten staatlichen Kontrolle, was gleichzeitig auch einen hohen Anspruch an Organisation und Durchführung stellt.

KT: Erzählen Sie uns ein wenig über den  DRAV Business-Club.

HL: Diese Rennen, die wir veranstalten, kosten Geld und brauchen daher Sponsoren. Und so liegt es natürlich nahe, Geschäftsleute für diese Rennveranstaltungen zu gewinnen, die sich auf der Rennbahn einem breiten Publikum präsentieren können. Einige unserer Vorstandsmitglieder haben gute Kontakte sowohl in der Pferdewelt als auch in die internationalen Geschäftswelt, welche für unseren Sport sehr wichtig sind. Über die Jahre konnte ich insbesondere sehr wichtige Verbindungen in die arabischen Länder aufbauen, denn die Scheichs stehen dem Rennsport mit Vollblutarabern besonders offen gegenüber, da es sich ja um „ihre“ Pferderasse handelt, um ihr Kulturgut.

Mit dem DRAV Business Club wollen wir nun beides zusammenbringen – die einheimische Wirtschaft mit unseren Kontakten in den Orient. Die Platform dazu bieten die Rennbahnen, wo in angenehmer Atmosphäre auch geschäftliche Kontakte geknüpft werden können. Wir haben dazu das Motto geprägt: Sports meets business!

KT: Welches sind die Aussichten für 2010 – welche Events bringen Sie ins Rollen?

HL: Die Wirtschaftskrise ging weder an uns noch an unseren orientalischen Geldgebern spurlos vorüber, und so können wir leider dieses Jahr kein Geld aus Qatar erwarten. Dennoch haben wir einige wichtige Rennen in Hamburg, Köln, und Frankfurt geplant, gesponsort von Dubai. Daneben wird es natürlich auch kleinere Rennen auf lokalen Bahnen geben. Leider wird aber ein Highlight ausfallen müssen: Wir hatten schon den Sponsor für ein Rennen während des Frühjahrsmeetings in Baden-Baden Iffezheim, als uns nun mitgeteilt wurde, daß aufgrund der Insolvenz der Rennbahn und Neustrukturierung des Internationalen Clubs diese Renntage ausfallen werden.

KT: Was für Kooperationen sind geplant ? Wer wird dieses Jahr bei Ihnen Ehrengast?

HL: Wie gesagt haben wir von Dubai die Zusage für verschiedene Rennen, ob jeweils ein Ehrengast aus dem Orient mit dabei sein wird, entscheidet sich leider immer sehr kurzfristig. Da wir aber auch eine sehr gute Vernetzung mit den Botschaften haben, können wir auch mit Gästen aus dem diplomatischen Bereich rechnen.

KT: Zu Ihrer Rolle als interkultureller Botschafter – was sind Ihre Ziele? Sind Pferde ein Schlüssel zum Herzen der Menschen in der MENA-Region ?

HL: Insbesondere das Arabische Pferd wird weltweit gezüchtet und so findet man leicht Ansprechpartner, wo immer man hinreist. Daraus entwickeln sich auch sehr oft Freundschaften. Besonders in arabischen Ländern, wo man auf diese Pferde als Teil des Kulturgutes besonders stolz ist, öffnen sich einem Türen, die einem Touristen verschlossen bleiben. Persönlich habe ich durch die Pferde einen tiefen Einblick in die Kultur und Lebensart der Araber erfahren können, und ich denke, man kann das Arabische Pferd zweiffellos als Vermittler zwischen Orient und Okzident betrachten. In Sachen „Araber-Rennsport“ habe ich mittlerweile viele arabischen Länder bereist, sei es Qatar, Oman, Kuwait, die Emirate, Syrien, oder die nordafrikanischen Länder wie Tunesien, Algerien und Marokko.

KT: Worauf legen Ihre arabischen Besucher besonderen Wert, was schätzen sie an der Kooperation mit Ihnen?

HL: Ich denke, unsere Partner schätzen – abgesehen natürlich von der Liebe zum Arabischen Pferd und dem Rennsport – insbesondere die Zuverlässigkeit, Gründlichkeit und Professionalität, die wir hier in Deutschland an den Tag legen. Außerdem kommen die Scheichs gerne im Sommer nach Deutschland, weil es dann in ihren Ländern oftmals unerträglich heiß und schwül ist, und sie hier die sehr moderaten Temperaturen genießen können. Und obwohl Deutschland eine Industrienation ist, haben wir doch eine eindrucksvolle, grüne Natur, wie es sie in den Ländern der Arabischen Halbinsel nicht gibt. Leider sind unsere Araberrennen in der Bevölkerung hier noch nicht so richtig anerkannt. Hier helfen uns die Araber natürlich durch ihre Unterstützung sehr – gleichzeitig rückt an solch einem Renntag dann auch immer das Land des Sponsors in den Mittelpunkt, womit der Tourismus in diesen Gegenden bekannt gemacht werden soll.

KT: Die Zusammenarbeit mit der NUMOV – wie gestaltet sich diese?

HL: Derzeit beschränkt sich unsere Zusammenarbeit auf eine Mitgliedschaft auf Gegenseitigkeit. Die NUMOV ist dennoch eine wichtige Organisation für uns, die Kontakte in die arabische Welt hat; wir leisten uns gegenseitig Hilfe in speziellen Projekten und das ganze läuft auf einer sehr freundschaftlichen Basis.

KT: Politik , Wirtschaft und globale Entwicklungen – wo und wie positioniert sich der DRAV in dieser Zeit?

HL: Wir wollen hier nichts überbewerten. Der Rennsport mit Arabischen Vollblütern ist nur ein ganz kleiner Teil der großen weiten Welt des Pferdesports insgesamt. Aber man darf nicht vergessen, daß das Arabische Vollblut ein globale Rasse ist, die mittlerweile in über 50 Ländern der Welt gezüchtet wird, und Deutschland gilt als eine der Keimzellen der europäischen Araberzucht, denn hier wurde die älteste Stutenlinie mit lückenlosem Stammbaum in der Araberzucht etabliert. Diese Pferde können Sie noch heute im Haupt- und Landgestüt Marbach sehen! Von Deutschland aus wurden auch zahlreiche Pferde wieder nach Arabien exportiert und wir sind in der Araberzucht eines der bedeutendsten Länder. Im Araberrennsport haben wir da noch ein wenig Nachholbedarf.

KT: Erzählen Sie uns doch etwas vom Pferd: welches ist Ihr Lieblingspferd, und was macht für Sie ein gutes Pferd aus?

HL: Meine Lieblingspferd war meine zweite Stute Nagrada, die ich 1993 direkt aus dem russischen Staatsgestüt Tersk im russischen Teil des Kaukasus importiert habe. Sie war eine ausgezeichnete Zuchtstute, die mir 6 Fohlen geschenkt hat. Leider starb sie 2002 durch einen Unfall. Sie verkörperte, was ich am Arabischen Pferd so schätze: Schönheit mit Leistungswillen. Mein derzeitiges Rennpferd, UAE Dynamic, ist derzeit noch im Winterquartier und wird erst jetzt wieder antrainiert. Aber ich bin jetzt schon gespannt, ob sie ihre Form vom Vorjahr halten oder vielleicht sogar verbessern kann. Sie hatte letztes Jahr ein wichtige Zuchtschau für Rennpferde gewonnen und erfüllt somit den ersten Punkt; nun muß sie den zweiten unter Beweis stellen.

KT: Ihre liebste Alltagsgeschichte aus der Region / aus der interkulturellen Zusammenarbeit?

HL: Ich erinnere mich noch gerne an die Jugend-Europameisterschaft der Distanzreiter 1998 in Donaueschingen, an denen auch die Al Maktoums teilnahmen. Mein Freund Faisal bat mich, kurz mitzukommen, und führte mich zum Zelt, wo Sh. Mohammed bin Rashid Al Maktoum mit seinen Söhnen saß und stellte mich Seiner Hoheit ganz ungezwungen vor. Eine andere Begebenheit war in Paris, wo wir uns anläßlich einer internationalen Konferenz im Hotel trafen. Ich kam gerade an und sah in der Lobby einige meiner Bekannten, unter ihnen Amid Abdelhamid der Generaldirektor des Königl. Gestüts aus Marokko, der mich seinen Freunden mit den Worten vorstellte: „Hier kommt ‚Lorenz von Arabien’, der Freund der Araber“ – das hat mich sehr berührt.

Ich darf sagen, daß ich in den Arabischen Ländern einige persönliche Freunde habe, und ich habe Einblicke in ihre Kultur erhalten, die mir als Tourist in diesen Ländern nicht möglich gewesen wären. Immer und immer wieder hat das Arabische Pferd Türen geöffnet, die einem „Normalsterblichen“ vielleicht verschlossen bleiben würden. Es hat zweifellos zur Völkerverständigung – und sei es auch nur in kleinem Rahmen – beigetragen. Aber große Dinge fangen ja alle einmal klein an…

KT: Herr Lorenz, vielen Dank für dieses aufschlußreiche Interview!