Iranischer Zeitgeist: Vom Wandel in der Depiktion der Märtyrer

Schon einmal haben iranische Truppen auf irakischem Boden gekämpft. Diese „heilige Verteidigung“ ist seit einem Jahr in Teheran im Museum zu besichtigen und erlebbar. Märtyrer sind nationales Kulturgut. Wie das Bild der Märtyrer im Iran sich wandelt und welche neuen Interpretation es für dieses kulturelle Moment gibt: Eine Einführung von Christian Funke, Islam- und Religionswissenschaftler. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören der kontemporäre und moderne Iran, der schiitische Islam, Passionsrituale sowie Religionsästhetik. Er studierte in Heidelberg, Ankara, Kairo und Teheran und führte für sein Promotionsprojekt intensive Feldforschung in Iran.

Kennen Sie die Künstler, die im Museum der heiligen Verteidigung vertreten sind?

Gewehre mit Rosen in den Läufen als Symbol für den Sieg der Revolution. Schaukasten im Museum der Heiligen Verteidigung. (Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013)

Gewehre mit Rosen in den Läufen als Symbol für den Sieg der
Revolution. Schaukasten im Museum der Heiligen Verteidigung. (Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013)

Persönlich kenne ich einen Künstler, der es abgelehnt hat, an der Entstehung des Museums mitzuarbeiten. Er war nicht damit einverstanden, dass das Museum mit seiner Narration am 15. Chordad einsetzt, also dem Jahrestag der Erhebung von Qom im Jahre 1963. Dies wird in offizieller Lesart als der Beginn der „Islamischen Revolution“ gesetzt. Nicht nur blendet es komplett aus, dass auch säkulare, kommunistische und andere Gruppen an der „Iranischen Revolution“ beteiligt waren, sondern überträgt dieses Narrativ auch auf den Iran-Irak-Krieg. In dieser Interpretation werden also alle anderen, wie säkulare oder nationalistische Aspekte, ausgeblendet oder überlagert. Dieser Künstler war anfänglich an der Planungsphase beteiligt, wollte sich jedoch nicht vereinnahmen lassen. Aber das ist sicher keine stellvertretende Meinung, denn viele, auch bekannte Künstler und Designer, wirkten am Aufbau des Museums mit.

 

Wie wird das Museum im Iran aufgenommen? Zielt es auf bestimmte Klientel?

Die erste Zielgruppe, die sich die Macher des Museums ausgesucht haben, ist die junge Generation, vor allem Schüler. Die Macher heben auch in den Broschüren des Museums hervor, dass die Generation, die den Iran-Irak-Krieg-Krieg selbst nicht miterlebt hat, einen zu großen Abstand zum Thema haben. Der Teil der Bevölkerung, der keinen Bezug mehr zur „Heiligen Verteidigung“ hat – wie der Iran-Irak-Krieg in der offiziellen Diktion genannt wird – wächst. Man sieht, dass unter der Woche, besonders aber an Kriegsfeiertagen wie der Befreiung von Chorramschahr, Schulklassen in das Museum geführt werden. Ich war selbst ein paar Mal zu diesen Zeiten vor Ort und habe auch Schulklassen angetroffen. Für sie war es ein normaler Schulausflug. Mit ihren Telefonen haben sie Selfies vor den Panzern und Hubschraubern des Außenareals gemacht. Ihnen ist der Krieg und seine Narration ja nicht nur aus dem Unterricht bekannt, sondern sie werden tagein tagaus durch Straßennamen, Wandgemälde, Plakate und Filme an das Kriegsgeschehen erinnert. Eine Lehrerin, mit der sprach, war hingegen äußerst enthusiastisch und erzählte mir wie wichtig das Museum für sie und die Nation sei und wie sehr sie sich freue. Insbesondere weil hier auch die Mitschuld des Westens gegenüber dem Iran wie die Lieferungen von Giftgas an Saddam Hussein thematisiert werden, welches dieser dann ja gegen Iraner und Kurden eingesetzt hatte. Besonders hat sie – mir als Ausländer – ans Herz gelegt, das Museum zu besichtigen, denn Deutschland habe doch auch Saddam unterstützt. Neben Schulklassen soll das Museum auch ein Ort für Veteranen sein. Das Museum wirbt damit, vollständig behindertengerecht zu sein. Im Erdgeschoss befinden sich Vortragssäle, eine Küche und ein Speisesaal.

Der eigenen Körper als Opfergabe. Bild im Museum der Heiligen Verteidigung: Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013.

Der eigene Körper als Opfergabe. Bild im Museum der Heiligen Verteidigung: Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013.

Wie wird der Museumsbesuch aufgenommen?

Ich denke, das ist zweigeteilt. Zum einen muss man wissen, dass eine Einzelbesichtigung des Museums meines Wissens nicht möglich ist, man kann nur an Führungen teilnehmen, die sicherstellen, dass das durch Objektauswahl und Konzeption vorgesehen Narrativ auch wirklich transportiert wird. Als ich, schon auf dem Weg zurück zur Metro, eine Museumsführerin traf, hat sie mich angesprochen und sich erkundigt, wie es mir gefallen hat. Sie hat unterstrichen, dass es für sie sehr wichtig ist, dass sich auch Ausländer mit dem Krieg auseinandersetzen. Sie sah das Museum als wichtigen Repräsentanten eines bedeutenden Teils iranischer Geschichte, der im öffentlichen Diskurs stärker aufgegriffen werden muss. Und auch ein anderer Museumsführer hat mich ermuntert, mich doch mit ihm und einigen Basidschis zu treffen, um selbst einmal an einer Gruppentour an die ehemalige Front teilzunehmen.

Durch die mediale Omnipräsenz von Krieg und Martyrium sind die Themen selbst überstrapaziert: Straßennamen, Plätze und wichtige Orte werden nach Märtyrern benannt und überhaupt ist Martyrium als Konzept und als Gründungsmythos für das Selbstverständnis der Islamischen Republik elementar. Deswegen sieht man immer wieder Versuche, jene Begriffe durch eine Neuinterpretation zu aktualisieren, zu reanimieren und neu zu besetzen. Das Museum ist dabei sowohl Symbol für die Überstrapazierung, als auch Zeichen des Versuch der Neuinterpretation.

Nachbau eines zerbombten Klassenzimmers in Khorramshahr im Museum der Heiligen Verteidigung. (Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013)

Nachbau eines zerbombten Klassenzimmers in Khorramshahr im Museum
der Heiligen Verteidigung. (Aufnahme Christian Funke vom 17. August 2013

In welche Richtung eine solche Neuinterpretation und Aktualisierung geht, kann man auch gut an einem jüngst in Iran erschienenen Kinofilm sehen. Der Titel besteht allein aus dem persischen Buchstaben „Tsche“, der in diesem Fall aber nicht von ungefähr an Che Guevara erinnert. Protagonist des Films ist Mostafa Chamran, also einer der bekannten, großen Namen unter den Märtyrern des Kriegs. In diesem Film sieht man Chamran als iranischen Freiheitskämpfer im Stile Che Guevaras. Er handelt im kurdischen Gebiet während des Sezessionsaufstandes nach der Revolution. Schon Eröffnungssequenz macht den Film auch für actionfilmaffine Kinogänger attraktiv: Man sieht wie „Che“ mit einem Helikopter eingeflogen wird. Der Film strotzt vor Spezialeffekten in hoher Qualität. Der Protagonist schlägt sich durch die feindlichen Linien um den Widerstand zu organisieren. Dabei trifft er auch auf seinen Widersacher, den Führer der kurdischen Separatisten. Es kommt zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen den beiden, über die Rechtmäßigkeit der Revolution, über die Unterstützung durch ausländischen Mächte etc. Gespickt mit Flashbacks aus der Zeit als Chamran Widerstandszellen im Libanon organisierte, heroisiert der Film die Person als eine stoische außerweltliche Kraft, die nicht tangiert wird von den umgebenden Ereignissen. Besonders spannend ist dabei, dass hier die Heiligkeit nicht im Martyrium selbst begründet wird, sondern bereits in seinem Lebenswandel. Eine wirklich sehr spannende Sache. Am Ende des Films steht entgegen aller Erwartungen, nicht das Martyrium, sondern der Sieg der Freiheitskämpfer: Die kurdischen Feinde werden aus dem Dorf vertrieben und Chomeini schickt die Revolutionsgarde um den Widerstand zu unterstützen. Es wird eine Erfolgsgeschichte inszeniert. Die Kämpfer, die Chamran noch umgeben, sie alle rechnen in dieser Situation mit ihrem Tod und sprechen die Fatiha[1]. Aber sie überleben. Rettung in letzter Minute. Das Ganze ist eine Metapher für den staatlichen Widerstandsdiskurs: Der Iran, umgeben von Feinden, wirtschaftlich unter Druck, gelingt es durch den reinen Willen der Nation sich durchzusetzen. Das physische Sterben, steht überhaupt nicht mehr im Vordergrund.

Gibt es für diesen Diskurs weitere Beispiele?

Der Rundgang im Museum endet vor der holographischen Projektion einer Uranzentrifuge. Auch hier eine klare Botschaft: Der Westen, der im Iran-Irak-Krieg die Feinde Iran militärisch unterstütze, greift nun zu anderen Mitteln, um den Iran zu bekämpfen, zu Sanktionen und Terror. Auch die Wachsfigur eines Atommärtyrers, also eines jener Forscher, die zwischen 2010 und 2011 Attentaten zum Opfer fielen, wird gezeigt. Folglich müsse Iran sich auch mit anderen Mitteln zur Wehr setzen und den Widerstand fortsetzen. Die Kampagne „Krieg, Arbeit, bis zum Sieg!“, die dieses Jahr in Teheran zu sehen war, veranschaulicht das ganz gut. Dort wurden Bilder des Krieges mit denen der Jetztzeit übereinandergeblendet. Man sieht in Schwarz-Weiß Soldaten an der Front, die eins zu eins, jetzt in Farbe, mit Arbeitern in einem Atomreaktor übergehen. Ein weiteres Beispiel ist eine Kampagne im Banknotendesign, die letztes Jahr zum Beispiel an den Teheraner Bussen zu sehen war.

„Krieg, Arbeit, bis zum Sieg“ – Kampagne zur Unterstützung der Widerstandskultur. Der Wandel in der Depiktion ist eine Brücke für den Geist des Märtyrertums in die Moderne. Das Motto lautet: Die Aufgabe ändert sich, der (nationale) Enthusiasmus bleibt der gleiche. Copyrights: http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

„Krieg, Arbeit, bis zum Sieg“ – Kampagne zur Unterstützung der Widerstandskultur.
Der Wandel in der Depiktion ist eine Brücke für den Geist des Märtyrertums in die Moderne.
Das Motto lautet: Die Aufgabe ändert sich, der (nationale) Enthusiasmus bleibt der gleiche.
Copyrights:
http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

Auch hier werden Soldaten gezeigt, aber auch zum Beispiel der Gewichtheber Behdad Salimi. Er hat 2012 Gold in Peking geholt und wurde dafür landesweit gefeiert. Wie auch jetzt bei der Fußballweltmeisterschaft zu sehen ist: Sport und Nationalstolz gehen auch in Iran Hand in Hand. Auch hier ein ein klarer Appell an das Nationalgefühl: Die Soldaten waren die Behdads ihrer Zeit. Die Wissenschaftler, Landwirte, Sportler und Soldaten sie alle kämpfen für die Nation.

„Krieg, Arbeit, bis zum Sieg“ – Kampagne zur Unterstützung der Widerstandskultur. Der Wandel in der Depiktion ist eine Brücke für den Geist des Märtyrertums in die Moderne. Das Motto lautet: Die Aufgabe ändert sich, der (nationale) Enthusiasmus bleibt der gleiche. Copyrights: http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

„Krieg, Arbeit, bis zum Sieg“ – Kampagne zur Unterstützung der Widerstandskultur. Copyrights:
http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

Der Wandel in der Depiktion ist eine Brücke für den Geist des Märtyrertums in die Moderne. Das Motto lautet: Die Aufgabe ändert sich, der (nationale) Enthusiasmus bleibt der gleiche.

Der Wandel in der Depiktion ist eine Brücke für den Geist des Märtyrertums in die Moderne.
Das Motto lautet: Die Aufgabe ändert sich, der (nationale) Enthusiasmus bleibt der gleiche. Copyrights: http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

Ist das Museum Zeichen eines Wandels? Eine Art soziokulturelles Barometer mit dem Versuch das Thema zu prägen, zu beeinflussen und die Reaktionen der Besucher zu „messen“?

Die Aussage ändert sich im Kern nicht, doch die ästhetischen Darstellungsparameter haben sich geändert. Das Ganze wird mehr als ein Event inszeniert. Zum Beispiel eine nachgebaute Pionierbrücke über die man als Besucher im Museum wandeln kann. Durch sie bekommt man ein Gefühl für die improvisierten Brücken während des Konflikts bekommt. Dazu zählen aber auch andere Räume: In einem beispielsweise wird mit akustischen Signalen, Lichteffekten und Erschütterungen im Boden ein Bombenangriff inszeniert.

Man darf bei allem nicht vergessen, diese acht Jahre Krieg waren prägend. Die gebrachten Opfer, die schmerzhaften Erinnerungen jener, die alt genug sind und den Krieg selbst miterlebt haben. Die in den Bunker steigen mussten als 1988 irakische Raketen auf Teheran niedergingen. Da gibt es schon einen Wunsch auch der jüngeren Generation mehr darüber zu erfahren, welche Menschen damals aktiv waren, statt immer wieder das gleiche zu hören: Durch die mediale Überpräsenz entsteht bei vielen eine Abwehrhaltung zu dem Thema, gerade weil es so vom Regime vereinnahmt wurde. Diese Vereinnahmung ist im Museum gegeben und als interpretatorischer Anspruch klar erkennbar. Andererseits gibt es junge Leute, die sich T-Shirt mit Märtyrerbildern und der Aufschrift „My Hero“ drucken lassen. Diese jungen Menschen nehmen die Märtyrer als Iraner wahr, die sich für ihr Land geopfert haben. Dies ist aber ganz unabhängig von der Einbindung der Märtyrer in eine revolutionsgeschichtliche Narration. Es macht das ganze zu einem nationalen Krieg gegen die irakischen Aggressoren.

Ausstellungseröffnung „By an Eyewitness“ von Azadeh Akhlaghi in der Teheraner „Mohsen Gallery“. Photo Christian Funke vom 12. März 2013.

Ausstellungseröffnung „By an Eyewitness“ von Azadeh Akhlaghi in der Teheraner „Mohsen Gallery“. Photo Christian Funke vom 12. März 2013.

Welche verschiedenen Interpretationen zum Iran-Irak-Krieg und Märtyrerthema gibt es in der Kunstszene?

Es gibt verschiedene Künstler die sich, auch abseits staatlicher Vorgaben, intensiv mit Märtyrern auseinandersetzen. Wie zum Beispiel die Photographin Newsha Tavakolian, die eine Photoserie namens „Mothers of Martyrs“ vorgelegt hat.[2] Hier hat sie Mütter abgelichtet, die Portraits ihrer gefallenen Söhne in der Hand halten. Man sieht den Schmerz in ihren gealterten Gesichtern, während ihre Söhne in einem jugendlichen Alter quasi eingefroren sind. Auch die Photographin Azadeh Akhlaghi hat sich mit Personen auseinandergesetzt, die den Iran hätten verändern können, aber ein frühes oder gewaltsames Ende fanden. Inspiriert wurde sie dabei vom Todes Neda Agha-Soltans bei den Protesten von 2009 – auch wenn sie deren Tod selbst nicht photographisch inszeniert hat. Sie inszenierte die Todesszenen berühmter iranischer Männer und Frauen, zum Beispiel des Ajatollahs Mahmud Taleghani, der Dichter Samad Behrangi und Forough Farrochzad oder des revolutionären Vordenkers Ali Schariati und von Soldaten des Iran-Irak-Krieges. Sie schlüpft gleichsam als stumme Zeugin und Beobachterin selbst in jedes ihrer Bilder. Die Serie war das kommerziell erfolgreichste Photographieprojekt in Iran, alle Bilder wurden binnen weniger Tage verkauft. Sie entwirft dabei auch eine Narration, die sich abseits staatlicher Vorgaben entwickelt, sogar Tabus, wie den Tod Nedas aufgreift, und doch akzeptabel ist – auch für die Zensur.

Iranian Wealth is not Money – Plakat einer Kampagne u.a. in Teheraner Bussen, das um den Widerstandsgeister um der Iraner wirbt. http://yanondesign.com/1392/06/iranian-wealth-is-not-money-3x4studio

Iranian Wealth is not Money – Plakat einer Kampagne u.a. in Teheraner Bussen, das um den Widerstandsgeister der Iraner wirbt.
http://yanondesign.com/1392/06/iranian-wealth-is-not-money-3x4studio

Es wird der revolutionär-religiöse Überbau herausgeschält und das faktische Handeln, die Heldentat des Aufopferns, rückt in den Vordergrund. Ist das eine Art pragmatische Interpretation der Geschehnisse?

Es ist gewissermaßen ahistorisch. Man kann die religiöse Motivation vieler Beteiligter nicht ausblenden. Arasch Hedschasi etwa, beschreibt in seinem Buch „The Gaze of the Gazelle“ eine Episode aus der Kriegszeit: In seiner Schule hatte sich ein Kamerad freiwillig an die Front gemeldet. Dieser kommt zwei Wochen später in einem Sarg zurück. Als bei der Prozession einer seiner Lehrer, den Hedschasi als besonders religiös beschrieben hatte, diesen Sarg schluchzend in Tränen begleitet, spricht Hedschasi ihn an: Wenn es so herausragend ist, dass er Märtyrer wurde, warum sich der Lehrer dann nicht selber zur Front melde? Daraufhin verpflichtet sich der Lehrer und kehrt zwei Wochen später selbst im Sarg zurück. Da beschreibt Hedschasi, dass er zum ersten Mal gemerkt hätte, dass Worte auch töten können. Was ich sagen will: Es gab eine religiösen Dimension und es gelang, diese mit nationalistischen Inhalten zu verflechten. Es ist daher auch zweischneidig, einen rein nationalistischen Diskurs in der Retropesktive zu eröffnen und es wird der Geschichte nicht gerecht. Nehmen Sie Azadeh Akhlaghi und ihre Ausstellung[3]: Dort wird ein Narrativ gespannt, das religiös und national ist, das sich nicht entscheidet, sondern bezeugt und Interpretationen ermöglicht: Das Scheitern in letzter Sekunde, der Verlust von Figuren, die einen Wendepunkt herbeigeführt haben können. Die Künstlerin bringt sich als stumme Zeugin ein. Sie versucht nicht zu deuten und religiöse oder nationalistische Konzepte zu bedienen. Dadurch schafft sie eine spannende Re-Inszenierung und einen neuen Interpretationsrahmen, die übergreifend sind.

Iranian Wealth is not Money – Plakat einer Kampagne u.a. in Teheraner Bussen, das um den Widerstandsgeister um der Iraner wirbt. http://yanondesign.com/1392/06/iranian-wealth-is-not-money-3x4studio

Iranian Wealth is not Money – Plakat einer Kampagne u.a. in Teheraner Bussen, das um den Widerstandsgeister der Iraner wirbt.
http://yanondesign.com/1392/06/iranian-wealth-is-not-money-3x4studio

Das Verständnis als Märtyrer in ihrer Sache, wird das auch durch junge Grüne Revolutionäre aufgegriffen?

Auch im Protestlager werden die Toten als Märtyrer bezeichnet, als „Freiheitsmärtyrer“ oder als „grüne Märtyrer“. Ein Fall hat besondere Verwicklungen ausgelöst: Saleh Jaleh, der während der sogenannten Valentinstagproteste des Jahres 2010 starb, wurde sowohl von Regierungsseite vereinnahmt, als auch durch die Grüne Bewegung. Während diese behaupteten, er sei während der Proteste ums Leben gekommen, behaupteten die anderen, er sei ein Basidschi gewesen. Jene organisierten auch seinen Grabumzug, bei bei dem es zu Auseinandersetzungen kam. Und zu einem Streit der Bilder: Im Internet finden sich sowohl Märtyrerbilder, die ihn als Basidschi feiern, als auch solche, die ihn als „grünen Märtyrer“ erinnern. Auch zum Grab von Neda „pilgern“ die Menschen, dabei konnte ich beobachten, dass die Besucher auch mit ihren Fingern auf das Grab tippten. Das ist eine alte Praxis, die man auch bei den Gräbern von Verwandten, herausgehobenen Personen wie etwa bei Hafez oder Saadi, oder aber auch bei Märtyrern beobachten kann.

Auch die Regierung weiß um die Wirkmacht von Gräbern und versucht „kritische Orte“ mit Märtyrern zu besetzen. Also zum Beispiel soziale Hotspots wie Parks. Da werden dann Überreste von „namenlosen Märtyrern“ beigesetzt und ein Grabmal errichtet. So wird der Park zu einem Pilgerort für regierungsnahe Menschen und die Alltagskultur beeinflussen sollen, Präsenz zeigen und dort verweilen.

Industrieller Kontext: Von unten aufbauen Copyrights: http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

Industrieller Kontext: Von unten aufbauen
Copyrights: http://yanondesign.com/1391/07/to-support-of-the-iranian-work-and-capital.html

Werden solche Stätten verunglimpft oder beschädigt?

Jeder respektiert die Totenruhe. Anders sah es allerdings umgekehrt bei Grabstätten von Opfern der Proteste aus. Nicht nur wurden hier Trauerfeiern untersagt, sondern beim Grab Nedas kann man auch Einschusslöcher im Grabstein-Porträt erkennen.

Es gibt seitens der Regierungsgegner eine blühende Graffitikultur. Auch in Bezug auf Märtyrer?

Man findet häufig Wandsprüche mit Aussagen Imam Alis oder Khomeinis oder aber revolutionärer Maximen, wie zum Beispiel: „Am Vorabend des Sieges vermissen wir die Märtyrer.“ Hier habe ich beobachten können, dass jemand hinter das Wort „Märtyrer“ Nedas Namen eingeschoben hat. Charles Kurzman bezeichnete dies auch als kulturelles Jiu Jitsu. Man nutzt die Kraft des Gegners und wendet sie gegen ihn.

 

Weitere Veröffentlichung zum Thema von Christian Funke <–

 

 

[1] Fatiha= die eröffnende Sure des Korans

[2] http://www.newshatavakolian.com/#a=0&at=0&mi=2&pt=1&pi=10000&s=0&p=3

[3] »By an Eyewitness« von Azadeh Akhlaghi in der Teheraner »Mohsen Gallery« im März 2013.

 

Advertisements

Das Aus für den Weltempfänger

Iran macht den Webhahn dicht- eine Abschottung und ihre Folgen

Nach Weissrussland ist der Iran nun der zweite Staat, der seinen Bürgern den Zugang zum internationalen Web weitesgehend abschaltet. Durch die Blockierung des Protokolls https sind Mailaccounts von über 30 Millionen Bürger betroffen bzw. sind diesen nicht mehr länger zugänglich. Soziale Netzwerke aber auch Medienseiten der BBC oder amerikanischer Outlets sind nun vom Bildschirm verbannt. Die bisherige Kontrolle der internationalen Gateways ging den persischen Behörden nicht weit genug.

Dies ist nur der erste Schritt. Die Schaffung eines „nationalen Internets“ soll zukünftig nicht nur vor Angriffen „feindlicher Staaten“ (wir erinnern uns an Stuxxnet) schützen sondern auch regimekritische Stimmen im Keim ersticken. Dieses politische Konzept von „Big Brother light“ gewinnt zusätzlich an Bedeutung, als dass bis dato Farsi eine der häufigsten Sprachen im Web gewesen ist.

Neben den sozialen Folgen in der Kommunikation folgen der erweiterten Abschottung des Landes ökonomische Konsequenzen nach: Schätzungweise 1,5% des Bruttosozialproduktes des Landes sind direkt in der digitalen Wirtschaft verankert und diversifiziert in unterschiedlichste Sektoren. Der iranische Telekommunikationsmarkt ist mit einem Umsatzwert von ca. 20 Milliarden Dollar der viertgrößte Markt seiner Art in der Region. Rund 1300 Internet Service Provider waren 2010 im Iran im privaten Sektor gemeldet und sind nun direkt in ihrer Existenz bedroht (Quelle: Weltbank). Neben den erfolgreichen Vorstößen am Markt durch iranischstämmige Websitebetreiber, Shopbesitzer und Dienstleistungsanbieter im Online-Sektor wuchs die Diversifikationsgrad in der digitalen Industrie in den letzten Jahren rapide: Professionell gepflegte Blogs für Ayatollahs sind längst Bestandteil der iranisch-nationalen Webkultur, genauso prägen Chatforen und Profilplattformen für (heiratswillige) Muslime das „lokale“ Netz.

Innovationsbremse Kommunikationsfilter?

Neben den alltäglichen Hindernissen in der digitalen Informationsbeschaffung kommt dieser Umbruch nun mit weiteren Hemmnissen für eine dringend benötigte wirtschafltiche Trendwende zu Tage. Die Einengung des Suchspektrums online wirkt sich fatal auf das Innovationspotential nicht nur der Telekommunikationswirtschaft offline aus. Es braucht kein zweites facebook im Iran, allerdings lässt sich die personalisierte vernetzte Kommunikationsform in Echtzeit nicht mehr aufhalten. Doch welche Massnahmen sieht die aktuell umgesetzte Doktrin der Schüler von Ghom darüber hinaus vor? Buchen iranische Werbetreibende demnächst helale Keywords bei den suchmaschinenbetreibenden Basiji-Agenturen im nationalen Internet? Eine virtuelle Authenzität zu erzielen kann im Zuge der Verbote darüber hinaus noch attraktiver für junge Iraner werden. Wird die Propaganda-PR nun mit einem Richtlinienkatalog „zurückschlagen“?

Hoffnungsschimmer in Absurdistan

Interessant ist zu beobachten, dass zwar einerseits versucht wird die absolute Kontrolle über die Medien auch im web behördlich durchzusetzen. Allerdings wird der Bedarf für ein WWW als relevante Kommunikationsform von offizieller Seite nicht (länger) geleugnet. Mittlerweile nutzen politische und industrielle Eliten im Iran längst das Potential insbesondere im Bereich Social Media für ihre Zwecke. Und eine Idee ist stark insbesondere dann, wenn sie sich bewährt hat. Twitter wird zwar nicht länger mit iranischem Bildmaterial gespeist. Allerdings ist das Konzept der hochfrequenten Kommunikation in 140 Zeichen inklusive Bildinformaionen nicht aufzuhalten.

Denn im Gegensatz zum Weltempfänger zu Zeiten des zweiten Weltkrieges sind die digitalen Natives selbst Berichterstattende und nicht mehr in erster Linie „Zuhörer“. Und dieses mediale Selbstverständnis wird sich kaum durch einen Nationalisierung des Webspaces aufhalten lassen, weder im Iran noch anderswo.

Seitensprung: Qantara.de

Diesmal im Seitensprung vorgestellt: qantara.de

Wer ist Qantara?

Das arabische Wort „qantara“ bedeutet Brücke. Qantara.de ist ein Projekt der Deutschen Welle, an dem auch das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt sind. Das Projekt will zum Dialog mit der islamischen Welt beitragen und wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Lesetipp:

Die Araber und die Libyen-Intervention

Stehlt uns nicht die Revolution!

Die arabische Demokratiebewegung legt besonderen Wert auf ihre Unabhängigkeit und fürchtet nun, dass die Intervention in Libyen einen hohen Preis kosten wird: sie könnte ihrem Protest die Legitimität rauben. Ein Kommentar von Layla Al-Zubaidi

Gaddafi-Gegner und Anhänger der libyschen Demokratiebewegung in Bengasi; Foto: AP
Bild vergrössern Militärische Intervention zum rechten Zeitpunkt: Viele libysche Aufständische sind dankbar dafür, dass die sogenannte „Koalition der Willigen“ unter der Ägide der USA, Frankreichs und Großbritanniens rechtzeitig in den Konflikt eingriff. Seit Beginn der Luftangriffe auf Libyen wird in der arabischen Öffentlichkeit heftig darum gerungen, wie man zur westlichen Intervention stehen soll.

Richtig ist, dass nicht nur viele Libyer, sondern auch viele Stimmen in der arabischen Welt die Intervention befürworten: ein Novum in der Region. Mindestens genauso viele Menschen bleiben jedoch zutiefst skeptisch.

Westliche Intervention als Wendepunkt

Für die arabische Demokratiebewegung stellt die westliche Intervention einen Wendepunkt dar. Eine zentraler Faktor, der bisher für ihren Erfolg bürgte, fällt nun weg: dass es die arabischen Bevölkerungen selbst waren, die gegen ihre Despoten – und teilweise sogar gegen den Westen und dessen langjährige Allianz mit autoritären Regimen der Region – aufbegehrten.

Logo der Arabischen Liga; Foto: DW
Bild vergrössern In der Kritik: Die Arabische Liga gilt den meisten weniger als ihre Interessenvertretung denn vielmehr als ein Club alternder Despoten, schreibt Layla Al-Zubaidi. Die junge, im Internet versierte Generation und säkulare Reformer sind von den Machthabern nicht selten als „Agenten des Westens“ denunziert und verfolgt worden. Sie legen daher besonderen Wert auf ihre Unabhängigkeit und fürchten nun, dass die Intervention in Libyen einen hohen Preis kosten wird: sie könnte ihrem Protest die Legitimität rauben.

Nun haben ausgerechnet jene Mächte, die jahrelang die Stabilität dieser Regime garantiert haben, das Heft an sich gerissen, statt alle politischen Mittel auszuschöpfen.

Dass ihre Intervention in Libyen, anders als der US-Angriff auf den Irak 2003, von der UNO und der arabischen Liga abgesegnet wurde, verleiht ihr zwar größere internationale Legitimation. Doch für viele Araber macht das keinen großen Unterschied. Denn erstens gilt die Arabische Liga den meisten weniger als ihre Interessenvertretung denn vielmehr als ein Club alternder Despoten.

Viele dieser Regime fuhren in den vergangenen Tagen damit fort, in ihren eigenen Ländern die friedlichen Proteste brutal zu unterdrücken. Zweitens können nur die USA, England und Frankreich diese Resolution auch umsetzen. Und deren Motivation geht auch darauf zurück, dass es sich bei Libyen um einen wichtigen Öllieferanten und wichtigen Brückenkopf für die Migration nach Europa handelt; insbesondere Washington fühlt sich zudem von entlassenen oder entflohenen islamistischen Kämpfern bedroht.

Mit zweierlei Maß

Graffiti gegen Hamad bin Issa al-Chalifa; Foto: dapd
Bild vergrössern Die Protestbewegung in Bahrain wird vor allem von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit getragen, die sich durch die sunnitische Herrscherdynastie von König Hamad bin Issa al-Chalifa benachteiligt fühlt. Mit ihrer manischen Art haben sich Gaddafi und seine Söhne auch bei ihren arabischen Nachbarn nur wenig Freunde gemacht – nur darum mag ihnen jetzt keiner seiner Diktatorenkollegen beispringen.

Doch in seinem Wahn, „Revolutionsführer“ auf Ewigkeit sein zu wollen, unterscheidet sich Gaddafi nur graduell etwa von Hamad al-Chalifa, dem Herrscher über Bahrain, der sich selbst zum König krönen ließ.

Besonders bitter stößt es der Protestbewegung in den Golfstaaten deswegen auf, wie sich ihre Staatschefs jetzt mit Blick auf Libyen verhalten. Während sich der „Golf-Kooperationsrat“, dem sie angehören, einerseits als Partner zum „Schutz der libyschen Zivilbevölkerung“ anbot, entsandte er zugleich Truppen nach Bahrain, um die brutalen Unterdrückung der dortigen Opposition zu unterstützen.

Dazu passt es, dass Saudi-Arabien eine absurde Fatwa ausstellen ließ, die demokratische Demonstrationen für „unislamisch“ erklärte. Dass diese Doppelmoral im Westen kaum für Empörung sorgte, dürfte daran liegen, dass diese Länder mit ihren Energiereserven und Militärbasen wichtige Verbündete sind und bleiben.

Jene Mächte, die nun die Militäroperation in Libyen anführen, müssen sich endlich mit den Fehlern der eigenen Politik und der ihrer arabischen Alliierten auseinandersetzen. Sonst bleibt am Ende der Eindruck haften, sie versuchten sich mithilfe des Militäreinsatzes von den Fehlern der Vergangenheit reinzuwaschen.

Doch festzuhalten bleibt: Obwohl die arabische Welt derzeit von einem einzigartigen revolutionären Moment erfasst ist, handelt es sich um sehr unterschiedliche Protestbewegungen. Die Proteste in Syrien, Jordanien und dem Jemen zeigen, dass dieser Aufstand noch längst nicht am Ende ist.

Der Mut und das Selbstbewusstsein der Protestierenden sind Anlass zum Optimismus, dass sie sich nicht vom Westen „enteignen“ lassen werden. Dieser Mut und dieses Selbstbewusstsein macht es den verbliebenen autokratischen Regimes sehr schwer, den Ruf nach Demokratie als „westlichen Import“ zu diskreditieren.

Layla Al-Zubaidi

© Qantara.de 2011

Layla Al-Zubaidi leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Qantara.de

#Flatrate_zur_Freiheit

Derzeit scheinen die Regime in Nordafrika und dem Nahen Osten im Wochentempo zu fallen. Diese rasante Revolutionswelle in der MENA-Region kommt natürlich nicht von ungefähr. Das Erstaunliche allerdings ist, dass trotz anderslautender Analysen sogenannter Nahostexperten dies nicht unter einem ideologischen Banner stattfindet. Die Aufstände in Tunesien, in Ägypten, im Jemen oder auch in Jordanien sind bunt durchmischt und schicht- wie auch glaubensübergreifend von einer Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt geprägt.

copyrights: Operation Egypt

Jahrelange Unterdrückung, Arbeits-und Perspektivlosigkeit, Hunger, Verfolgung, Folter und Korruption sind die Ursache. Was bisher nur anonym in Foren oder hinter vorgehaltener Hand geäußert werden konnte, manifestert sich jetzt in einem gigantischen Wutausbruch. Der Wille zur Veränderung siegt über die Angst vor Repressalien. Nicht länger Zeuge sein, sondern das Geschehen in die Hand nehmen. Die Angst des Westens, dass nun islamistische Kräfte das Ruder an sich reißen könnten, zeugt von der Fehleinschätzung der Ausgangslage der Menschen. Vorhergehende Protestwellen in der Region wurden insbesondere durch westliche Medien nicht als signifikant wahrgenommen oder unzureichend reflektiert, das Potential der „arabischen Straße“ weithin unterschätzt.

Doch was hat diese enorme Geschwindigkeit des Umsturzes ermöglicht? Eine Schlüsselrolle kommt sicherlich der Vernetzung der Menschen in diesen Ländern zu. Mobilfunk, Soziale Medien und Netzwerke, Internetforen, manchmal auch nur der bloße Zugang zu ausländischen Informationsquellen prägt das Bewusstsein der jungen Generation in den Ländern der MENA. Die Kinder des wachsenden Mittelstandes, gebildet und gut informiert sind längst digital natives. Sie sind die Hauptakteure. Der Anspruch an das eigene Leben, die eigene Erfüllung, individuelles Bewusstsein im Austausch mit anderen in Echtzeit: Die Internetcafes in den Straßen Kairos, Sanaas oder Tunis liefern die Flatrate zur Freiheit. Die Geschwindigkeit der Medien ist auch die Grundlage für eine direkte Berichterstattung. Einfachen Menschen kommt durch das Bloggen die Rolle von Journalisten und Meinungsführern zu. Sie prägen das neue Bild ihrer Region, sie sind die neuen Kommunikatoren, die Stimmen ihrer Völker. Ziviler Ungehorsam via Twitter  prägt die Kommunikationskultur.Ob nun #jasminrevolt, #sidibouzid revolt, #tunisia revolt oder auch #jan25- es ist definitiv eine Social Media Revolution.

copyrights: Operation Egypt

Doch noch etwas ist charakteristisch für die Proteste: Mut und Zivilcourage. Ob nun die Nachbarschaftswachen in Tunis, die Plünderungen und Gewaltaten verhindern oder die vielen Freiwilligen, die das Ägyptische Kunstmuseum in Kairo nach den Protesten wiederherrichten. Die Menschen organisieren sich ohne eine zentrale Staatsmacht. Und es klappt ganz hervorragend.  Ein Bewusstsein für bürgerliche Werte und Zivilcourage zeigt sich an allen Ecken und Enden. Ohne dieses Selbstverständnis, ohne diesen Sieg der Vernunft über den Hass wären die revolutionären Umstürze wohl kaum möglich gewesen. So versuchte beispielsweise ein Sprecher der NDP, der regierenden Partei Mubaraks, auf Al-Jazeera international die Proteste vor laufenden Kameras zu marginalisieren und als Gewalttat von Banden und Plünderern abzutun. Gleichzeitig waren die Bilder von den friedlichen Protesten am Midan Tahrir in Kairos Innenstadt zu sehen-ein Widerspruch, auf den ihn auch die Moderatorin hinwies und ihm kurzerhand das Wort entriss. Dieser Umgang mit politischen Meinungsführern, die geprägt von der Arroganz der Machthabenden bisher ihre Geschichten medial verkauft haben ist es, der die neue Tonalität in der Berichterstattung ausmacht. Der erste Schritt zur Freiheit ist getan. Die Menschen in der Region müssen nun weiter kämpfen für den Erhalt ihrer Meinungsfreiheit. Und sie müssen umdenken. Genauso wie wir. Die Revolution hat begonnen . Und sie ist mehr als digital. Sie ist umfassend zeitgemäß.