Junge Poeten gesucht

Muslimische Jugendliche fördern deutsche Sprachkunst

Sprachkunst-Wettbewerb gestartet: „Poet gesucht! Muslimische Wortkunst aus der Republik“. Jury-Mitglied Kristiane Backer:“Wichtig, junge muslimische Talente zu fördern“.

Unter dem Titel: „Poet gesucht! Muslimische Wortkunst aus der Republik“ rufen die Muslimische Jugend in Deutschland e.V. (MJD) gemeinsam mit dem Jugendportal waymo.de zu dem Wettbewerb auf. Es werden „Sprachkünstler, Poeten, Literaten, Dichter und solche gesucht, die sich gerne auf Deutsch ausdrücken möchten“ heißt es in ihrer Mitteilung.

„Wir lieben unsere deutsche Sprache und möchten den künstlerischen Umgang mit dieser fördern“, sagt die 18-jährige Beyza Cinar, eine der Initiatorinnen des Wettbewerbs. „Auch Muslime können wunderbar dichten, vortragen, erzählen“, so Cinar. In Anlehnung an die immer häufiger auch in Deutschland veranstalteten Poetry Slams möchte man einen Wettbewerb durchführen, der bewusst die Deutsche Sprache in den Vordergrund stellt. Selbstverständlich könnten auch Nichtmuslime teilnehmen, aber man wolle bewusst die Muslime – darunter insbesondere die Jugendlichen – auffordern ihr Können zu zeigen ergänzt Cinar.

Der Wettbewerb wird zunächst online stattfinden und wird über die Website waymo.de/poetry ausgetragen. Die Jugendplattform waymo.de hat bereits einige Wettbewerbe veranstaltet, darunter auch den „Muslim Comedy Contest“. Je nach Resonanz soll es auch eine Poetry Slam Abschlussveranstaltung geben. Die Einsendungen werden durch die User ins Finale gewählt und dann von einer Jury bewertet.

Prominente Jury

In der Jury sitzen bekannte Namen wie TV-Moderatorin Kristiane Backer, Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Zentralratsvorsitzender Aiman Mazyek, Bloggerin Kübra Gümüsay, der Rapper Ammar114, und MJD-Vorstandsmitglied Amin Naggar. „Es ist wichtig, junge muslimische Talente zu fördern, und sie in ihrer Karriere zu unterstützen sodass sie uns alle mit ihrer Kreativität inspirieren können“, so Jury-Mitglied Kristiane Backer.

Als Gewinne winken Preise, die insbesondere auf die Sprachkünstler ausgerichtet sind, darunter Kamera- und Aufnahme-Sets. Interessierte können sich ab sofort unter waymo.de anmelden und ihre Werke einreichen.

Einsendeschluss ist der 15. April 2011.

Zum Wettbewerb: „Poet gesucht – Muslimische Sprachkunst aus der Republik“

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Islamische Perspektiven

Diesmal im Interview: Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes (LIB), Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin

Der LIB erfährt zur Zeit in den Medien große Aufmerksamkeit – fast wöchentlich nehmen Sie in Zeitungs-, TV- oder Radiobeiträgen Stellung. Wie gehen Sie mit dieser Aufmerksamkeit um? Wieweit müssen Sie sich rechtfertigen ?

Zunächst einmal: Keine Rechtfertigungen mehr! Ich habe mich dazu entschieden, als Muslimin keinesfalls in eine defensive Haltung zu geraten. Ich suche das Gespräch auf Augenhöhe. Ich begegne ernsten Fragen mit ernsten Antworten. Oft verbergen sich aber hinter vermeintlichen Fragen bloß Ressentiments. Vor kurzem erhob sich bei einer meiner Lesungen in Bonn  in der Fragerunde eine Frau mit einem Papier in der Hand und begann mit den Worten: „Wir wissen ja alle, dass der Islam eine barbarische Religion ist…“. Ich sah sie an und entgegnete: „Und das müssen Sie von einem Zettel ablesen?“.

Kritik – so sie denn in entsprechender Form geäußert wird – offenbart den Charakter der Menschen. Nehmen Sie z.B. Kurt Westergaard, den Zeichner einer der dänischen Muhammed-Karikaturen: Seine Gestaltung und seine Interpretation ist sein gutes Recht. Ich finde die gewählte Form persönlich zwar nicht schön und bin auch mit der Aussage nicht einverstanden. Doch warum sollte er seine Haltung deshalb nicht äußern dürfen? Das ist die Grundlage für Freiheit. Zur Freiheit zählt auch, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln – insbesondere gegenüber seiner eigenen Haltung. Echte Selbstkritik setzt dann allerdings auch der Freiheit des Handelns Grenzen der Vernunft.

Selbstbewusstes Auftreten und ein dickes Fell sind wichtig. Trotzdem muss man stets hinterfragen: Nicht alles an Kritik ist falsch. Viele so genannte Islamkritiker neigen jedoch zu einer kaum inhaltsgetriebenen Pauschalkritik und drängen damit wesentliche gesellschaftliche Fragen in den Hintergrund. Religion ist nicht das einzige Merkmal einer Identität und dennoch ufert die Rhetorik viel zu schnell in ein „Islam ist daran schuld/nicht schuld“ aus.

Viele Menschen unterschätzen den Einfluss der europäische Islamwissenschaften. Wie sehen Sie es derzeit um das Niveau an deutschen Universitäten bestellt? (Stichworte: Neue Forschungsschwerpunkte – interkultureller Austausch)

Deutlich sichtbar ist, dass sich die IslamwissenschaftlerInnen mit ihrem Fachwissen kaum in die aktuellen Diskussionen einbringen. Wie Gudrun Krämer (Leiterin des Instituts für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin) kürzlich forderte: Islamwissenschaftler müssen mit ihrem  Fachwissen stärker in den Vordergrund treten  und deutlicher als bisher sich auch an aktuellen  gesellschaftlichen Diskussionen beteiligen.

Die meisten islamischen Strömungen berufen sich neben Quran und den Hadithen auch immer auf bestimmte Gelehrte und Rechtsschulen zur Interpretation der Schriften. Wo setzt der LIB mit Ihrem Konzept an? An wem orientieren Sie sich in dieser Hinsicht?

Wir orientieren uns natürlich auch am Koran und an den Hadithen. Allerdings gehen wir aus unserer heutigen Perspektive neu bzw. anders an die Quellen heran. Der LIB steht für einen lebensnahen Islam, wie er von einer großen Mehrheit der Muslime bereits praktiziert wird. Es gibt eine Reihe von Gelehrten, deren Arbeiten höchst beachtenswert sind.

Was sind die größten interkulturellen Leistungen, die Muslime in den letzten Jahrzehnten in Europa / Deutschland vollbracht haben?

Klar erkennbar lassen sich insbesondere nach dem 11. September verstärkt islamische Einflüsse in Kunst und Design aufzeigen. Ein weiteres spürbares Moment ist das Thema Essen. Doch viel wichtiger ist die Strukturvielfalt der Muslime in Deutschland, die hier friedlich mit der nichtmuslimischen Mehrheit zusammenleben. 85 bis 90 Prozent der Muslime sind bereit, sich zu integrieren. Sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Gibt es muslimische KünstlerInnen, die in Deutschland besonders präsent sind?

Hier fallen mir spontan die Kalligraphien einer Bekannten, Nebiye Uhlmayr ein. Als weiteres Beispiel würde mir das Modelabel styleislam einfallen, das speziell islamisch geprägte Kleidung entwirft, T-Shirts, Mützen, Accessoires.

Wie sieht der LIB den Umgang mit Kunst und Musik? In wahabitischen Auslegungen ist die Benutzung bestimmter Instrumente verboten. Auch Darstellungen, beispielsweise weiblicher Körper sind verpönt. Sehen Sie normative Grenzen durch einen Islam im Sinne des LIB für zeitgenössische Werke?

Nein.

Last but not least: Ihre Perspektive für die Entwicklung des LIB?

Natürlich ist es mein Wunsch, dass sich das zarte Pflänzchen, das wir vor einem halben Jahr gesetzt haben, zu einer ausgereiften Blume entwickelt. Allerdings ist es besonders schwierig, liberale Muslime zu organisieren. Sie machen kein Aufheben um ihre Religion und gehen nach dem Motto: Leben und leben lassen. Aber wenn wir nicht wollen, dass Extremisten unser Leben noch schwerer machen, müssen wir unsere Sicht auf den Islam öffentlich klarmachen. Und das geht am besten in einem Zusammenschluss. Wir suchen den innerislamischen Diskurs und die Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft. Und wir werden wahrgenommen – das ist sehr gut! Weiter so!